„Welcher Raum ist körperlicher als das Bad?“

Interview Matthias Sauerbruch

In der Architektur finden Menschen Sicherheit in der Stadt. Warum?

Sauerbruch: Unsere Leben werden immer schnelllebiger. Je mobiler unsere Lebensumstände jedoch sind, desto größer ist auch unsere Sehnsucht, sich zuhause zu fühlen. Einerseits sind wir ständig in Bewegung, andererseits wollen wir uns verankern. Wir suchen irgendwo einen Ort, an dem wir uns sicher und aufgehoben fühlen. Dabei spielt die gebaute, die architektonische Umwelt eine entscheidende Rolle. Ein Ort kann mir Sicherheit geben, weil ich ihn kenne. Oder es sind Orte, zu denen ich gerne gehe, weil sie so interessant, schön oder angenehm sind, dass ich mich einfach gerne dort aufhalte. 

Lässt sich dieses Gefühl von „Zuhause sein“ von der Architektur entkoppeln, oder gibt es eine direkte Verbindung zwischen beiden?

Für mich hängen die Privatheit und die Öffentlichkeit ganz eng zusammen. Das Gefühl der Sicherheit beziehungsweise des Geborgenseins ist die Voraussetzung dafür, sich in die Öffentlichkeit zu bewegen. Wenn ich weiß, dass ich mich immer wieder zurück in meine Wohnung ziehen kann, dann kann ich auch neugierig rausgehen und mit offener Haltung auf Menschen zugehen. Genau darin liegt der Unterscheid zwischen Wellbeing und Urban Wellbeing.

Letztlich muss es in der Stadt das Zusammenleben sein, das funktioniert, das uns Freude macht und Lebensqualität schafft.  Es geht nicht nur um den Einzelnen, sondern es geht auch darum, das Individuum im Kollektiv zu sehen.

Bleiben wir bei Wellbeing. Welchen Einfluss hat speziell das Bad auf unser Wohlbefinden?

Die Hypothese, dass die architektonische Umgebung Einfluss auf mein Wohlbefinden hat, geht davon aus, dass „nicht belebte Materie“ Menschen inspiriert. Und für das Wohlbefinden ist unser Körper als eine Art Rezeptionsinstrument die erste Instanz. Der „körperlichste Raum“ in der Wohnung ist das Badezimmer. Dort halten wir uns mehr oder weniger nackt auf. Ob es die Oberfläche ist oder die Lichtstimmung – dort spüren wir Architektur hautnah. Es ist der Kern des privaten Wohnbereichs. 

Wo fühlen Sie sich wohl?

Ein Raum, in dem ich mich wohlfühle, ist ein Raum, der mir nicht vorgibt, was ich zu tun habe, sondern mir die Freiheit gibt, ihn zu entdecken. Das können Stadträume sein, aber auch gebauten Räume, die ich nicht auf den ersten Blick verstehe. Diese kann ich entdecken und fühle ich mich dann in ihnen wohl.

Zur Person

Matthias Sauerbruch ist Gründungspartner von Sauerbruch Hutton. Neben seiner Tätigkeit als praktizierender Architekt hält er weltweit Vorträge, ist Vorsitzender und Mitglied in nationalen und internationalen Preisgerichten und trägt zu zahlreichen Symposien bei.