INDIVIDUALISIERBARKEIT IST DAS GEHEIMNIS
Interview Alexander Rieck

Vielfältige Nutzbarkeit, Gesundheitszentrale, Wellbeing: Bäder der Zukunft müssen immer mehr Funktionen erfüllen. Welche das sind, und worauf es in Architektur und Design ankommt, verrät Dr. Alexander Rieck Mitbegründer von LAVA.
Villeroy & Boch: Herr Dr. Rieck, welche Einflüsse werden das Bad zukunftsweisender Hotelkonzepte bestimmen?
Dr. Alexander Rieck: Ich sehe hier vor allem drei Faktoren: Erstens eine sich verändernde Generation Reisender. Die künftigen Nutzer von Hotelbädern sind Baby Boomer, die Generation X oder Millennials. Sie alle Leben einen individuellen Lifestyle - legen aber auch gesteigert Wert auf Gesundheit und Hygiene sowie nachhaltige Ressourcennutzung. Zweitens steigen die Ansprüche der Hotelgäste an das Infotainment, eine vernetzte Kommunikation - und dennoch der Wunsch nach Privatsphäre. Drittens ermöglichen neue Technologien smarte Konzepte wie intelligente Lichtumgebungen oder digitale Services – und dies ist idealerweise alles intuitiv und individuell bedienbar.
Gibt es auch Einflüsse aus anderen Kulturen?
Oh ja! Auch die zunehmende Globalisierung beeinflusst unsere Badekultur wesentlich. Man könnte fast sagen, das Bad wird „kulturübergreifend“. Im Rahmen des Fraunhofer Verbundprojekts „Future Hotel“ (siehe auch Projektbericht Schani) haben wir die These aufgestellt, dass das Bad regional authentisch wird. Was heißt das? Im Prinzip, dass die Destination über reale und virtuelle Gestaltung des Raumes - z.B. Informationen zur Umgebung, Materialien, ortstypische Gestaltungselemente - spürbar wird.
Gibt es weitere Future Hotel Thesen für das Hotelbad?
Spannend ist auch die These, dass das Bad keine Zielgruppe mehr hat – Zielperson ist jedes Individuum auf der Erde. Entsprechend entwickelt sich auch die Nutzung. Unsere Gewohnheiten, Routinen und Rituale ändern sich.
Können Sie das konkretisieren?
Das Bad der Zukunft ist adaptiv, es muss sich verschiedenen Anforderungen und Nutzern anpassen können. Es erfüllt im Wesentlichen drei unterschiedliche Funktionen: Das Bad ist atmosphärischer Schaltraum – je nach Situation und Nutzer verändert sich die Erscheinung, Atmosphäre und Wirkung des Bades. Das Bad ist eine Gesundheitszelle – mit Hilfe von Technik, Personenerkennung und Sensorik werden Wohlbefinden und Gesundheit optimal unterstützt. Und das Bad ist „Bio“ - Energieeffizienz, Recycling und Materialität sind von der Planung bis zum Rückbau konsequent Aspekten der Nachhaltigkeit unterworfen.
Welche hauptsächlichen Nutzergruppen sehen Sie für das Hotelbad?
Grundsätzlich jeden in jeder Lebensphase. Jeder kann gleichzeitig Business-Nomade, Luxusasket oder wohlhabender Senior sein. Während Business-Nomaden schnelle Erfrischung und Erholung dank funktioneller, individueller und smarter Einrichtung suchen, legen Luxusasketen Wert auf die Reduktion auf das Wesentliche, freie und offene Räume sowie exklusive Materialien im puristischen Gesamtbild. Wohlhabende Best-Ager hingegen buchen das Hotel am ehesten aufgrund ergonomischer und komfortabler Badausstattung mit gesundheitlicher Diagnoseeinrichtung. Dies im Hotel unter einen Hut zu bringen, erfordert intelligente Konzepte und innovative Produkte und Lösungen.
Der gemeinsame Nenner über Allem ist Individualisierbarkeit?
So könnte man es bezeichnen. Man kann heute schon sehen, wie sich das Badezimmer verändert. Gewohnte Produkte wie Badewanne, Dusche und Armaturen oder Bedienelemente nehmen neue Formen an. Funktionen und Herstellungsprozesse beeinflussen das Design: Durch neue Techniken und Produkte werden die Bäder zunehmend individualisierbar. Beispiel technisches Licht: LED-Beleuchtung sorgt für atmosphärische Stimmung, biodynamisches Licht und Anti-Jetlag-Beleuchtung unterstützen den Gast bei der Anpassung an die noch ungewohnte Umgebung. Gesteuert wird die Beleuchtung künftig über Sensoren, Sprache und RFID-Tags. Adaptive Lichtstimmungen und individuell wählbare Lichtszenarien steigern das Wohlbefinden des. Um nur ein Beispiel für Individualisierbarkeit zu nennen.
Zur Person:
Dr. Alexander Rieck lebt zwischen virtuellen Forschungsprojekten und architektonischer Realität. Im Verbundsprojekt "Future Hotel" am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO in Stuttgart ist er mit seinem Architekturbüro LAVA vertreten, das er 2007 parallel zu seiner akademischen Laufbahn mit Partnern gründete.



