Der Raum - das Bad

Universal Design für das altengerechte Bad

Die multidisziplinäre Forschungsgruppe „Der Raum – Das Bad“ unter wissenschaftlicher Leitung von Prof. Fritz Frenkler, Lehrstuhl für Industrial Design an der Technischen Universität München, entwickelt zusammen mit feddersenarchitekten, Berlin, und weiteren Partnern – darunter auch Villeroy & Boch – Strategien, um Bäder in Bestandsbauten finanzierbar altengerecht umzugestalten. Erste Prototypen wurden nun im Rahmen verschiedener internationaler Messen der interessierten Öffentlichkeit gezeigt – und fanden großen Anklang. Als Anerkennung ihrer Leistung wurde den Industriepartnern das Zertifikat „universal design expert favorite + universal design consumer favorite 2015“ überreicht.

Die Lebenserwartung der Menschen steigt. Laut Statistischem Bundesamt führt dies in Verbindung mit einem Geburtenrückgang zu einer gravierenden Veränderung in der Altersstruktur. Demnach werden im Jahr 2060 bereits mehr als ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland über 65 Jahre alt sein. Der Anteil der über 80-Jährigen wird für das Jahr 2050 mit etwa 10 Millionen Menschen angegeben. Der Vergleich mit dem Jahr 2008, in dem ca. 4 Millionen über 80-Jährige erfasst wurden, verdeutlicht die zu erwartende Veränderung. Diese Verschiebung der Altersstruktur bringt dabei neue Aufgaben und Herausforderungen mit sich. Ein absolutes Recht in einer toleranten Gesellschaft ist die Teilhabe. Ein elementarer Bestandteil, damit dieses Recht in Anspruch genommen werden kann, ist die Barrierefreiheit aller Lebensbereiche. Der wichtigste Ort im Leben eines Menschen ist dabei ein sicheres Zuhause, in dem man sich wohlfühlt und möglichst lange ohne fremde Hilfe leben kann. Während bei neu entstehenden Wohngebäuden die Bedürfnisse von älterem Menschen an die Erschließung oder ein altengerechtes Bad bereits von Anfang an berücksichtig werden, zumindest im Sinne einer möglichen späteren Anpassung, wird die Nachrüstung bei dem größten Teil des Gebäudebestands ein immer stärker drängendes Problem und stellt alle Beteiligten – besonders die Wohnungswirtschaft – vor eine große Herausforderung.

Universelle Bäder für den Bestand

Die Forschungsinitiative „Der Raum – Das Bad“, bestehend aus den Initiatoren Feddersen Architekten, Berlin, und dem Lehrstuhl für Industrial Design unter Prof. Fritz Frenkler an der Fakultät für Architektur der TUM, entwickelt gemeinsam mit Industriepartnern – darunter auch Villeroy & Boch – verschiedene Badprototypen. Diese ermöglichen es, bestehende typische Bäderformen mit nur vier bis fünf Quadratmetern, die in den Kleinstwohnungen von Bestandsgebäuden häufig vertreten sind, finanzierbar altengerecht umzurüsten. Die Anpassung dieser Wohnungsbestände muss dabei nach den Forschungsmitgliedern nicht immer mit den hohen Anforderungen der Barrierefreiheit vereinbar sein. Aus diesem Grund entwickelt die Forschungsgruppe nutzerorientierte oder hybride Lösungen im Sinne eines universellen Designs, das auch die Bedürfnisse der stationären Pflege mit abdecken kann. „Uns war es ein besonderes Anliegen, Planungssicherheit für die Wohnungswirtschaft und bezahlbare Produktlösungen für die Bestandssanierung zu entwickeln. Die Umbauten und Renovierungen müssen im Bestand so gestaltet werden,  dass diese für möglichst alle Nutzergruppen sinnvoll und sicher funktionieren“, erläutert Thomas Kannengiesser, Director Product Management CSW Projects bei Villeroy & Boch die Kooperation.

Prototypen mit Architectura

Die ersten Prototypen wurden in 2015 auf der Munich Creative Business Week MCBW und den internationalen Messen BAU, ISH und der ALTENPFLEGE präsentiert und fanden dort sehr großen Zuspruch. Das Fachpublikum sah dabei enormes Potenzial in diesem Zukunftsthema. Die Prototypen wurden mit bestehenden Produkten der Unternehmen Villeroy & Boch AG, Kermi, Hansa, Pressalit Care, Jung, Küffner und Ambright ausgestattet. Villeroy & Boch steuerte Sanitärobjekte der Kollektion Architectura bei. Der Waschtisch ist so entwickelt worden, dass er in generationsübergreifenden Bädern eingesetzt werden kann, mit breiter Ablagefläche und seitlichen, unsichtbar in die Waschtischunterseite integrierten Griffleisten. Das Wand-WC ist mit der spülrandlosen DirectFlush Technologie ausgestattet, die durch eine intelligente Konstruktion eine schnelle und einfachere Reinigung mit optimaler Wasserführung verbindet und maximalen Hygieneanforderungen entspricht. Insgesamt wurden im Forschungslab des Lehrstuhls für Industrial Design an der TU München drei verschiedene Prototypen zusammengeführt und anhand von Forscher-, Hersteller-, Architekten- und Nutzerkritiken sowie von Spezialisten aus der Pflege und der Wohnungswirtschaft immer weiter optimiert. Prof. Fritz Frenkler berichtet davon, dass die Prototypen anhand der verschiedenen Perspektiven bis zu 15 Mal umgebaut und immer weiter an die jeweiligen Bedürfnisse angepasst wurden.

Kostengünstige Lösungen für die Wohnungswirtschaft

Auch die Anforderungen der Wohnungswirtschaft wie Finanzierbarkeit, reduzierte Umbauzeiten, Kompetenzerweiterung des Handwerks, Offenheit der Systeme, Langlebigkeit und Nachrüstbarkeit bilden einen wichtigen Schwerpunkt. Wesentliches Ziel ist es, für die Wohnungswirtschaft, Kommunen und Interessenverbände konkret umsetzbare und bezahlbare Produktlösungen anzubieten, die eine Planungssicherheit erreichen und langfristig dafür sorgen, dass die älter werdende Klientel der Mieter so lange wie möglich in der eigenen Wohnung verbleiben kann. „In einer zweiten Forschungsphase werden nun Vermarktungsstrategien entwickelt, die Musterlösungen in standardisierte Badausstattungspakete zu überführen, die in großen Mengen beispielsweise von Wohnungsbaugesellschaften bei der Sanierung ihrer Objekte genutzt werden. Der Vorteil wären neben finanziellen Einsparungen durch den verringerten Planungsaufwand und weniger Planungsbeteiligte auch eine ganz klare Kostentransparenz,“ erläutert Michael Schlenke von The Caretakers.

„Zentraler Leitgedanke bei allen Aktivitäten wird auch hierbei eine nutzerorientierte, qualitätsbewusste, preisbewusste aber auch „enkelfreundliche“ also nachhaltige Strategie sein. Es geht nicht nur um die in Fragestellung bekannter normativer Strukturen, sondern auch um eine sozialwirtschaftliche Haltung, die es allen Generationen und insbesondere den Älteren erlaubt, in Ihren angestammten Lebensorten so lange als möglich und selbstbestimmt zu verbleiben, ohne auf Nutzerfreundlichkeit, Sinnhaftigkeit, Komfort und Sicherheit zu verzichten“, fasst Thomas Bade den übergeordneten Leitgedanken zusammen.

Die Prototypen in der Testphase; Foto: iF UNIVERSAL DESIGN Daniel George

Aufbau eines Prototypen im Rahmen des DETAIL research Labs zur Messe BAU 2015; Foto: DETAIL research, Fotograf: Julian Weninger

Aufbau eines Prototypen im Rahmen des DETAIL research Labs zur Messe BAU

Wie viel Platz auf wenigen Quadratmetern sein kann, zeigte der Aufbau im DETAIL research Lab zur Messe BAU 2015; Foto: DETAIL research, Fotograf: Julian Weninger